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Warum schon ein Glas Wasser den Bauch wachsen lässt
Der Bauch wächst nach jedem Essen, sogar nach einem Glas Wasser? Warum das oft gar kein Blähbauch ist und welche Rolle das Zwerchfell dabei spielt.
Inhalt
Blähbauch und abdomino-phrenische Dyssynergie aus osteopathischer Sicht
„Ich bekomme nach jedem Essen einen Blähbauch. Ganz egal, was ich esse. Sogar nach einem Glas Wasser.“
Diesen Satz höre ich in meiner Praxis oft. Manche beschreiben es noch genauer: Es fühle sich an, als sei mehr im Bauch, als der Körper Platz dafür hat. Viele haben zu diesem Zeitpunkt schon Brot, Milchprodukte und Hülsenfrüchte weggelassen, und am Bauch hat sich trotzdem wenig geändert.
Bleibt das Glas Wasser. Wasser bildet kein Gas, und trotzdem wächst der Bauch.
Mehr Bauch, aber nicht mehr Luft
Genau das hat eine Forschungsgruppe um Prof. Fernando Azpiroz am Universitätsklinikum Vall d'Hebron in Barcelona untersucht. Die Betroffenen kamen zweimal in die Computertomographie: einmal in Ruhe und einmal während einer Episode, in der ihr Bauch sichtbar gewachsen war.
Der Bauchumfang hatte deutlich zugenommen, die Luft im Darm kaum. In der größten dieser Untersuchungen lag die Gasmenge bei fast allen der über hundert Betroffenen im Bereich normaler Schwankungen. Selbst nach einem Blattsalat, der kaum Gas bildet, wuchs der Bauch, ohne dass im Dickdarm messbar mehr Gas war.
Streng genommen ist das also gar kein Blähbauch. Das Gefühl, zu viel Inhalt für zu wenig Platz zu haben, ist echt. Nur ist weder zu viel Inhalt noch zu viel Luft im Bauch.
Zwei Muskeln, die gegeneinander arbeiten
Die Ursache fanden die Forscher in den Wänden, die den Darm umgeben.
Normalerweise passt sich der Bauchraum an, wenn sein Volumen zunimmt. Die vordere Bauchwand spannt sich leicht an, das Zwerchfell weicht nach oben aus, und der zusätzliche Inhalt findet Platz.
Bei den Betroffenen war es umgekehrt. Das Zwerchfell drückte mit erhöhter Spannung nach unten, die vordere Bauchwand gab nach und trat nach vorn. Die Forscher nannten dieses Muster abdomino-phrenische Dyssynergie: Bauch und Zwerchfell arbeiten nicht mehr richtig zusammen.
Das erklärt auch das Gefühl, keinen Platz zu haben. Drückt das Zwerchfell von oben, statt auszuweichen, wird der Bauchraum tatsächlich enger. Der Inhalt bleibt gleich, der Raum schrumpft.
Warum schon ein Glas Wasser genügt
Als Auslöser vermutet die Forschungsgruppe bei empfindlichen Menschen schon das Gefühl, das eine Mahlzeit im Bauch hinterlässt.
Dann würde der Körper auf die Empfindung reagieren, dass sich der Bauch füllt, und kaum darauf, was gegessen wurde. Ob Teller Nudeln oder Glas Wasser, macht dann wenig Unterschied. Deshalb bringt es auch so wenig, ein Lebensmittel nach dem anderen wegzulassen.
Das Muster lässt sich allerdings umkehren. Beim Biofeedback sehen Patienten ihre eigene Muskelaktivität in Echtzeit auf einem Bildschirm. So lernten die Betroffenen, Zwerchfell und Zwischenrippenmuskulatur zu entspannen und die Bauchwand zu aktivieren. In einer placebokontrollierten Studie ging das Gefühl des aufgeblähten Bauches damit zurück. Die Forscher sehen das Muster deshalb als erlerntes Verhalten und nicht als festen Defekt.
Was die Zwischenrippenmuskulatur damit zu tun hat
In den Messungen fiel noch etwas auf: Auch die Zwischenrippenmuskulatur arbeitete stärker als normal.
Das bringt mich zur Interkostalneuralgie. Gemeint ist ein Schmerz, der von einem der Interkostalnerven zwischen den Rippen ausgeht. Er ist meist scharf, stechend oder brennend, zieht oft gürtelförmig auf einer Körperseite entlang einer Rippe nach vorn und wird beim tiefen Einatmen, Husten oder Drehen des Oberkörpers stärker.
Wichtig ist dabei die Anatomie: Die unteren Interkostalnerven hören nicht an den Rippen auf. Sie ziehen weiter nach vorn und versorgen die Muskulatur der Bauchwand. Wer beim Atmen Schmerzen zwischen den Rippen hat, schont den Brustkorb und atmet mehr in den Bauch. Aus meiner Sicht kann so eine Reizung deshalb dazu beitragen, dass Zwerchfell und Bauchwand aus dem Takt geraten.
Wo ich osteopathisch ansetze
Bei einer abdomino-phrenischen Dyssynergie schaue ich mir Zwerchfell und Bauchwand an und dazu alles, womit sie verbunden sind.
Das ist zunächst der Brustkorb mit Rippen, Brustbein und Brustwirbelsäule, außerdem das Zwerchfell selbst. Dazu kommt die Statik des ganzen Körpers, denn die Bauchmuskeln spannen sich zwischen Rippen, Becken und Wirbelsäule auf. Ich untersuche auch die Bauchorgane, den Verlauf der Interkostalnerven sowie die Gefäßversorgung und das lymphatische Gewebe der Region. Das alles greift eng ineinander, und erst aus diesem Gesamtbild ergibt sich, wo ich in der Behandlung ansetze.
Die genannten Studien haben Biofeedback untersucht, nicht die osteopathische Behandlung. Wie ich bei Beschwerden im Bauchraum arbeite, steht auf der Seite Bauch und Verdauung. Wie ein Termin aufgebaut ist, habe ich unter Der erste Termin beschrieben.
Neue oder starke Beschwerden im Bauch oder Brustkorb sollten Sie vorher ärztlich abklären lassen.
Was Sie beobachten können
Achten Sie in den nächsten Tagen darauf, wann Ihr Bauch wächst. Nach jeder Mahlzeit oder nur nach bestimmten? Auch nach einem Getränk? Und spüren Sie manchmal einen Schmerz zwischen den Rippen, etwa beim tiefen Einatmen?
Vielleicht merken Sie, dass es weniger darauf ankommt, was Sie essen, als darauf, dass Sie überhaupt essen. Dann lohnt sich der Blick weg vom Teller, hin zu Zwerchfell und Bauchwand.
Weiterer Beitrag: Wenn der Kiefer nicht loslässt
Weiterführende Literatur
- Accarino A, Perez F, Azpiroz F et al. Abdominal distention results from caudo-ventral redistribution of contents. Gastroenterology. 2009;136:1544–1551.
- Villoria A, Azpiroz F et al. Abdomino-phrenic dyssynergia in patients with abdominal bloating and distension. Am J Gastroenterol. 2011;106:815–819.
- Barba E, Accarino A, Azpiroz F. Correction of abdominal distention by biofeedback-guided control of abdominothoracic muscular activity. Clin Gastroenterol Hepatol. 2017.
- Barba E et al. Abdominal distension after eating lettuce: the role of intestinal gas evaluated in vitro and by abdominal CT imaging. Neurogastroenterol Motil. 2019.
- Barba E, Burri E, Quiroga S, Accarino A, Azpiroz F. Visible abdominal distension in functional gut disorders: objective evaluation. Neurogastroenterol Motil. 2023.
- Thoracoabdominal wall motion–guided biofeedback treatment of abdominal distention. Gastroenterology. 2024.
Dieser Beitrag informiert allgemein und ersetzt keine ärztliche Diagnostik und Therapie. Die Wirksamkeit der Osteopathie ist wissenschaftlich nicht für alle Beschwerdebilder belegt und wird in der Medizin unterschiedlich beurteilt.